"Mehr Sicherheit im Wohngebiet" dank Nachbarschaftshilfe

Nun hat offensichtlich auch die Polizei das Thema Nachbarschaftshilfe entdeckt. Unter dem Slogan "Vorsicht! Wachsamer Nachbar" wurde jüngst in der Stadt Alsfeld ein Pilotprojekt ge-startet, das helfen soll, die zunehmende Einbruchskriminalität in dem Stadtviertel Rodenberg einzudämmen. Mit im Boot sitzen neben dem Polizeipräsidium Osthessen und der Polizei-direktion Vogelsberg die Kommune und die evangelische Kirchengemeinde als Koopera-tionspartner. Auf Bundesebene läuft zeitgleich die Aktion "Thema Nachbarschaftshilfe - Ganze Sicherheit für unser Viertel!"die an Nachbarschaften in ganz Deutschland adressiert ist.

"Nachbarn sind mehr als die Leute von nebenan", heißt es da in dem Flyer zu dieser Kampagne. "Nachbarn kennen sich, sprechen miteinander und kümmern sich umeinander. Denn jeder kann mal in eine Situation geraten, in der er auf die Unterstützung anderer angewiesen ist."

 

Und unter dem Aspekt der Bekämpfung von Straftaten wird weiter ausgeführt: 

 

"Nachbarn können sich auch beim Schutz vor Kriminalität gegenseitig helfen. Ganz einfach schon durch eine höhere Aufmerksamkeit für alles, was in Ihrem Haus und Wohnviertel passiert. Dabei geht es nicht um Schnüffeln oder Spionieren, sondern um Ihre Mitverantwortung für das Wohl Ihrer Nachbarn. Die Polizei kann nicht überall sein, aber ein Nachbar ist meistens in der Nähe. Eine intakte Gemeinschaft entsteht nicht von allein. Einer muss den Anfang machen: Warum nicht Sie?"

 

An anderer Stelle werden Tipps gegeben, wie die ersten Schritte zu mehr Sicherheit im Wohnquartier aussehen könnten:

 

"Eine gute Nachbarschaftshilfe kann ganz einfach funktionieren.

  • Sprechen Sie mit den Bewohnern Ihres Hauses und der Nachbarhäuser über das Thema „Sicherheit”.
  • Veranstalten Sie ein Nachbarschaftstreffen mit Vertretern der Polizei und der Kommune.
  • Tauschen Sie untereinander Rufnummern, telefonische Erreichbarkeit, Autokennzeichen und vielleicht auch genaue Anschriften während der Abwesenheit aus.
  • Sind Sie oder Ihre Nachbarn im Urlaub, können Sie vorab mündlich oder schriftlich die Übernahme bestimmter Aufgaben vereinbaren. Zum Beispiel Wohnungen betreuen, Briefkästen leeren und Kontrollgänge organisieren."

Dass es vielleicht doch nicht immer ganz so einfach ist, seine Nachbarn vom Sinn der oben beschriebenen Sicherheitspartnerschaft zu überzeugen, zeigen die nachfolgenden, sehr unfreundlichen Leserkommentare zu einem einschlägigen Bericht von "oberhessen-live.de" (Auszüge des Artikels siehe unten).

 

  1. Solange die Verbrecher in Deutschland machen können, was sie wollen, und jeder „Schlaumeier Teddybärwerfer, Gutmensch, Politiker u.s.w“  sagt, Selbstverteidigung Achtung, ihr könnt euch strafbar machen. Das heißt doch nur, wie unfähig der Staat ist, uns zu schützen und Angst hat die Autorität komplett zu verlieren.

  2. Ja, das soll wohl ein Witz sein? Die Polizei hierzulande sollte sich mal ein Beispiel an der US-Polizei nehmen.
    Die sind wenigstens auf Zack!

  3. Dort, wo die Polizei nun überfordert und ratlos dasteht, sollen die Bürger und Anwohner es richten.
    Nachdem zuvor sog. „Bürgerwehren“ kritisiert worden sind, glänzen sie nun als „Pilotprojekte“.

Selbst wenn solche Meinungen immer auch das berühmte "Körnchen Wahrheit" enthalten, das allerdings einer differenzierteren Betrachtungsweise unterzogen werden sollte, bleibt das Kernargument eines direkten Zusammenhangs zwischen guter Nachbarschaft, erhöhter Auf-merksamkeit und allgemeiner Sicherheit davon unberührt. Man entdeckt sogar in dem Pilot-projekt bzw. der bundesweiten Aktion "Vorsicht! Wachsamer Nachbar" ein großes Potenzial für eine allgemeine Verbesserung der Daseinsvorsorge, das über den Aspekt des Schutzes vor Einbruchskriminalität hinaus reicht. Der "wachsame Nachbar" könnte nämlich ohne weiteres auch der "achtsame" oder grundsätzlich aufmerksamere Nachbar sein, der für alle "neuralgischen Punkte" des Alltags sensibilisiert ist, aus denen sich Gefährdungen, Überforderungen und die Notwendigkeit zu entsprechendem Beistand ergeben. Man braucht schließlich nicht für jede Personengruppe (Hochbetagte, Kranke, Alleinerziehende, isoliert Lebende usw.) und jeden Problembereich ein eigenes Nachbarschaftshilfe-Programm. Wo einmal "nachbarschaftliches Denken und Handeln" geweckt wurde, überträgt sich dies als allgemeine Grundhaltung leichter auf weitere Lebensbereiche.

Warum also nicht mit dem überschaubaren Ansatz "Vorkehrungen gegen Einbruchs-kriminalität" einsteigen, zumal der Schutz des eigenen Hab und Guts für die meisten (vernünftigen) Menschen ein besonders plausibles Motiv darstellen dürfte, sich auch gemeinschaftsdienlich zu engagieren?

 

Tatsächlich kann die Polizei - im Gegensatz zu den Bewohnern in der Nachbarschaft - nicht überall sein. Sie könnte es selbst dann nicht, wenn im Bereich "innere Sicherheit" auf-gerüstet würde wie sonst nur in totalitären Systemen. Auch ein besonders rigider Umgang mit (vermeintlich) besonders aktiven Tätergruppen ("Ausländer", "Flüchtlinge", "Arbeits-scheue", "Junkies" usw.) führte nicht zu einer Gesellschaft, in der sich alle an Gesetze, moralische Normen usw. halten. Gerade diejenigen, die glauben, nun selbst mal die Dinge in die Hand nehmen zu müssen, weil die Politik unfähig, die Polizei "zu lasch" sei usw., sollten sich einmal Gedanken über die eigene Gesetzestreue machen. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass gerade unsere liberalen westlichen Gesellschaften unter einer weit ver-breiteten "Norm- und Regelschwäche" ihrer Bürger leiden, die Ausdruck eines allgemeinen Werteverfalls - genauer: einer Auseinanderentwicklung von gemeinschaftlicher und gesell-schaftlicher Moral - ist, die übrigens nicht in allen Lebensbereichen als Nachteil empfunden wird. Die als allgemein wahrgenommene, in Wirklichkeit aber nur partielle Zunahme der Gesetzesverstöße (Beispiele: Wirtschaftskriminalität, Online-Kriminalität, Wohnungsein-bruch und Taschendiebstahl) stellt hier nur zum kleineren Teil das Ergebnis wachsender sozialer Probleme (illegale Einwanderung, fehlende soziale Integration, Drogenkonsum etc.) dar. Zum größeren Teil handelt es sich um die unangenehme, aber unvermeidliche Kehrseite größerer individueller Freiheit und Toleranz gegenüber originellen Lebensentwürfen bzw. allen Varianten individueller Lebensgestaltung, auf die die allermeisten aber dennoch nicht verzichten wollten. Über Jahrzehnte hinweg hat sich - angefangen bei einer möglichst autoritätsfreien Erziehung und einem fast grenzenlosen Verständnis gegenüber "ab-weichendem Verhalten" - in unserer Gesellschaft eine "liberalistische" und "individua-listische" Grundtendenz bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber allgemeingültigen Werten, Normen und Regeln ausgebreitet, weil die "freie Entfaltung des Einzelnen" inzwischen weit höher geschätzt wird als seine "Einordnung" im Interesse größtmöglicher Funktionalität der Gesellschaft (Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Fortschritt usw.).

Wer lässt sich denn noch gern von "Autoritäten" belehren oder folgt ohne Diskussion willig deren Anweisungen? Wer hält sich ohne rigide Überwachung und Sanktionen an Ge-schwindigkeitsbeschränkungen oder Parkverbote? Wer erfüllt selbstverständlich seine Steuerpflicht? Wer handelt nicht nach dem Prinzip: Ich will alles, und zwar sofort? Und wer bewundert nicht den "Erfolgreichen", ohne danach zu fragen, mit welchen Mitteln dieser unter Umständen nur reich und/oder einflussreich werden konnte?

 

Eine Bemerkung zu dem Beitrag des Kommentators "Bigfoot" (siehe oben): Der wirkliche Witz ist, wie leicht z.B. abstiegsgefährdete oder -ängstliche Mittelschichtler durch systema-tische Desinformation veranlasst werden können, entgegen ihren eigenen Interessen (= Solidarisierung mit Ihresgleichen) Populisten nachzulaufen, die mit scheinplausiblen Lösungen (keine Ausländer = keine Ausländerkriminalität = bessere Gesellschaft) von den tatsächlichen Ursachen gesellschaftlicher Missstände [neoliberale (globalisierte) Weltwirt-schaftsordnung, Deregulierung der Finanzmärkte, Austeritätspolitik] ablenken und damit die Privilegien der Oberschicht sichern.  Fast noch witziger ist es, wenn erwachsene Menschen eine Rückkehr  zu den "guten alten Zeiten" fordern, die aus ökonomischen Gründen vollkommen unmöglich ist und deren negative Seiten sie auch gar nicht akzeptieren würden. "Zucht und Ordnung", "Recht und Ordnung", "Sitte und Anstand" etc. sollen in Wahrheit nur für diejenigen gelten, die man als Sündenböcke gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ausgemacht hat.  An denen sollen der Lynchmob oder eine "zackige" Polizeitruppe sich abreagieren, um sie wegzusperren, des Landes zu verweisen oder sonstwie zu eliminieren. Wäre es im Vergleich dazu nicht viel vernünftiger, solche Lösungen zu entwickeln, die das notwendige Maß an (vorbeugender) Aktivität und Mobilisierung gewährleisten und gleich-zeitig im Einklang stehen mit den Werten einer liberalen, toleranten und solidarischen Gesellschaft, in der es sich - trotz der einen oder anderen negativen Kehrseite - allemal besser leben lässt als unter der Diktatur faschistoider Blockwarte, Bürgerwehren oder "Be-wegungen"? Die beschriebene Sicherheitspartnerschaft zwischen den Nachbarschaften eines Wohnviertels und einer Polizei, mit der die Bürger sich identifizieren können und die sie aktiv unterstützen, erfüllt zweifelsfrei diese vernünftigen Kriterien. Nur erfordert das eben echtes Engagement und stellt eine größere Herausforderung dar, als nur Parolen zu brüllen und mit gebastelten Galgen um die Häuser zu ziehen.        

 

Ein zusätzlicher Vorschlag wäre, das "Kommunikationssystem zwischen Bürgern und Polizei" (siehe unten) um einige weitere Anlaufstellen zu erweitern, die im Idealfall nahtlos zusammenwirken, um Ratsuchende oder Hilfsbedürftige zu der im Einzelfall jeweils zu-ständigen bzw. qualifiziertesten Stelle weiterzuleiten, z.B. Polizei- oder Rettungswache, Pflegestützpunkt, Pflegedienst, Betreuungsbehörde, Gemeindeverwaltung, Seniorenbeirat, Nachbarschaftshilfe-Verein, Verbraucherberatungsstelle u.a.m.

Umzusetzen wäre dies unter nahezu denselben Bedingungen, wie sie unten für das Pilot-projekt "Vorsicht! Wachsamer Nachbar" beschrieben werden:

  • stärkere Identifikation mit dem eigenen Wohngebiet
  • bewusste Aufmerksamkeit gegenüber allen Veränderungen, Unregelmäßigkeiten usw.
  • Einbindung von Vereinen und allen Menschen, die sich im Wohngebiet aufhalten (z.B. Brief- und Zeitungsträger, Hilfsdienste und Beschäftigte von Behörden)

U. Lange


Quelle: http://www.oberhessen-live.de (Auszüge)

 

Pilotprojekt der Polizei und der Stadt Alsfeld gegen Wohnungseinbrüche 

 

Das Konzept „Wachsamer Nachbar“ startet im Vogelsbergkreis als Pilotprojekt in Alsfeld. Neben der Stadt unterstützt die evangelische Kirchengemeinde Alsfeld das Projekt. „Es ist unheimlich viel wert, wenn man eine gute Nachbarschaft hat“, begrüßte Stadtrat Heinrich Muhl für den verhinderten Bürgermeister Stephan Paule die zahlreichen, meist älteren, Gäste. 

 

Pilotprojekt „Vorsicht! Wachsamer Nachbar“ aus guten Gründen am Rodenberg 

„Wir wollen Sie nicht verunsichern. Wir wollen Sie sicher machen“, so der Leiter der Polizeidirektion Vogelsberg, Kriminaldirektor Andreas Böhm. Man wolle Tipps geben, um Einbrüche zu verhindern und die Bürger auffordern, sich besser untereinander zu vernetzen. Alsfeld sei aufgrund der beiden Autobahnanschlussstellen für Einbrecher ein beliebter Ort. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit steige erfahrungsgemäß die Anzahl an Einbrüchen.

Warum gerade der Rodenberg oft Ziel der Einbrüche werde, dafür gebe es Gründe. „Der Rodenberg ist das größte zusammenhängende Wohngebiet in Alsfeld mit fast schon urbanen Ausmaßen“, so Böhm. Hier gebe es sehr viele Ein- und Ausfallstraßen und man sei ganz schnell auf der Autobahn. Die meisten Einbrüche würden an Wochenenden in der Zeit zwischen 16 und 22 Uhr begangen. Jetzt wolle man die Menschen sensibilisieren, damit sie entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen können. „Die Konzentration auf den Rodenberg gefällt uns nicht. Wir wollen von Ihnen Hinweise haben“, rief Böhm zur aktiven Mithilfe der Bewohner auf.

 

Interaktion zwischen Polizei und Bürgern gewünscht

Im Prinzip basiert das Projekt „Vorsicht! Wachsamer Nachbar“ auf zwei Säulen. Wie sich die Bewohner am Besten gegen Einbrüche schützen, darüber referierte Christoph Auth, Spezialist für kriminalpolizeiliche Beratung, vom Polizeipräsidium Osthessen. „Unser Wunsch ist, dass Sie sich mit Ihrem Wohngebiet noch mehr identifizieren als zuvor“, so Auth. Die Bürger sollten bewusst versuchen Dinge wahrzunehmen, die sie vorher noch nicht bemerkt haben und stets ein wachsames Auge haben. Bei Auffälligkeiten helfe es oft, sich diese zu notieren oder Fotos von verdächtigen Personen oder Fahrzeugen zu machen.

Wenn man auch auf die Sicherheit der Nachbarn achte, tue man etwas für alle. „Je mehr Augen wir hier haben, umso mehr können wir sehen“, ergänzte Auth. Gerade über die Vereine könne man auf das Projekt „Vorsicht! Wachsamer Nachbar“ aufmerksam machen. Des Weiteren sollten Menschen, die sich im Wohngebiet aufhalten wie Brief- und Zeitungsträger, Hilfsdienste und Beschäftigte von Behörden mit in das Konzept eingebunden werden.

Man wolle ein Kommunikationssystem zwischen Bürgern und Polizei aufbauen. Die Polizei wolle beispielsweise Warnmeldungen herausgeben. Die Bürger sollten die Polizei auf verdächtige Personen aufmerksam machen. Daher bestand am Freitagabend die Möglichkeit sich als „Wachsamer Nachbar“ in einen anonymen E-Mail-Verteiler einzutragen, um direkt von der Polizei Informationen zu bekommen. Zusätzlich zur Aktion wurden Blechschilder mit der Aufschrift „Vorsicht, Wachsamer Nachbar“ verteilt mit der Bitte, die Schilder bei sich aufzuhängen, um seine Mitgliedschaft zu demonstrieren und das „Wir-Gefühl“ damit zu stärken.

 

Eigenschutz durch Sicherheitsmaßnahmen

Die andere Hälfte seines Vortrags beschäftigte sich mit der Einbruchs-statistik und wie man sich dagegen am besten schützen kann. Insbesondere über Terrassentüren und Fenster werde am meisten eingebrochen. Daher müsste man genau diese mit Sicherheitstechnik absichern, damit diese sich nicht einfach aufheben ließen. Dafür gebe es die verschiedensten mechanischen Sicherheitstechniken für Fenster und Türen. Des Weiteren gab er viele Tipps, wie Bewegungsmelder oder Zeitschaltuhren zu installie-ren, um abzuschrecken oder vorzutäuschen, dass man zu Hause ist. Jedoch solle man gerade im Winter nicht an Strom sparen und Zeitschaltuhren schon ab 14 Uhr nutzen, empfahl der Experte. Darüber hinaus hätten sich auch technische Sicherheitssysteme wie Überwachungskameras und Alarmanlagen bewährt.

Zu Verwunderung vieler Gäste wurde in der Fragerunde deutlich, dass laut Statistik Hunde Einbrüche nicht verhindern würden. Das sei jedoch nur der halbe Teil der Wahrheit, da man von vielen verhafteten Einbrechern wisse, dass wenn sie Hunde im Haus ausgemacht hätten, erst gar nicht versuchen würden einzubrechen. Nach dem Vortrag bestand die Möglichkeit, sich bei den einzelnen Beamten an sogenannten Themeninseln über den Ein-bruchschutz zu informieren. Davon machten die Besucher regen Gebrauch und gingen in intensiven Austausch mit den Polizisten.